Kernvokabular trifft DaZ

Projektziel

Im Projekt „KvDaZ“ wird ein neues, alltagsintegriertes und inklusives Sprachförderkonzept für die anfängliche Phase des DaZ-Erwerbs entwickelt, erprobt und evaluiert. In der Erprobungsphase konnten anhand einer Teilstichprobe erste Tendenzen zur Beschleunigung des Sprachlernprozesses der Kinder durch die Anwendungen des Konzepts festgestellt werden. Somit können auch die Inklusions- und Bildungschancen der Kinder erhöht werden.

Projektdauer

01.10.2016-30.09.2019

Zielgruppe

Grundschul- und Kindergartenkinder im Alter von 4-11 Jahren

Fortbildungsangebot

Zum KvDaZ-Konzept zählt eine zweitägige Fortbildung. Dort lernen die Teilnehmer-/innen anhand von Videobeispielen und Praxisübungen Möglichkeiten kennen, wie die wissenschaftlich fundierte Wortschatzauswahl (Kernvokabular) mit Hilfe von symbolbasierten didaktischen Materialien systematisch im anfänglichen DaZ-Erwerb eingesetzt werden kann.

Für nähere Informationen: Klicken Sie auf das Symbol.

Lehrer*innen, OGS-Mitarbeiter*innen und Erzieher*innen in NRW stehen  vor der Herausforderung ca. 40.000 neu zugewanderte Schüler*innen zu betreuen bzw. beschulen (vgl. KMK 2017). Ein wichtiger Bestandteil ist die Vermittlung der deutschen Sprache. Hierfür existiert in NRW weder ein Sprachförderkonzept für DaZ-Anfänger, noch ein verbindliches Curriculum.
Mit dem Projekt „KvDaZ“ wird ein Vorschlag gemacht, um diese Lücke zu schließen.

Das KvDaZ-Konzept

Das KvDaZ-Konzept ist für den anfänglichen gesteuerten und ungesteuerten DaZ-Erwerb entwickelt. Die Erkenntnisse zum Kernvokabular (siehe Exkurs) bilden die Grundlage für den Wortschatzaufbau . Um die Vermittlung des Kernvokabulars didaktisch-pädagogisch begleiten zu können, werden Hinweise aus der Sprachförderung von Kindern mit komplexen Kommunikationsbeeinträchtigungen (Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation) sowie aus der DaZ-Didaktik übernommen. Auf dieser Basis werden neue Sprachfördermaterialien entwickelt und adaptiert. Das neue Konzept und die Materialien werden nach einer zweitägigen Fortbildung in einem sog. „Starterpaket“ den Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Das KvDaZ-Konzept versteht sich als alltagsintegriertes Sprachförderkonzept und nutzt den kommunikativen Ansatz als methodisches Rahmengerüst.

Exkurs

Das Kernvokabular besteht aus 200 Wörtern, die hochfrequent im Alltag genutzt werden. Dazu zählen vor allem Funktionswörter (z.B. ich, nicht, auch, jetzt, auf, wollen, können, mehr) und nur wenige Inhaltswörter (z.B. trinken, spielen, gut, Auto, Ball). Kernvokabular lässt sich flexibel kombinieren, wodurch zahlreiche (sozial)pragmatische Erfahrungen (sog. Sprachhandlungen) gesammelt werden können (Brauchst du das?, Nicht jetzt., Warum denn?, Ich will aber., Komm schon., Lass mich mal.). Diese helfen den Kindern dabei,  in den unterschiedlichen Sprachhandlungsfeldern, wie z.B. beim Einkaufen, beim Arzt, auf dem Spielplatz zurechtzukommen. Die Erkenntnisse zum Kernvokabular erscheinen so zentral, da sie unabhängig von Alter, Schulform, körperlicher und geistiger Entwicklung gelten (vgl. Boenisch 2014, Sachse/Schmidt 2017, Boenisch 2018). Im Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation hat die Kernvokabularforschung zu einem Paradigmenwechsel in der Sprachförderung von Kindern mit eingeschränkter Lautsprache geführt (vgl. Boenisch/Sachse 2007, Boenisch 2014).

Exkurs

 Mit den Kölner Kommunikationsmaterialien können zahlreiche kommunikatve Absichen ausgedrückt werden  (Jetzt ich? Was noch? Ich will das nicht. Du kannst mich mal. Komm her. Aber kann ich dann auch?). Durch die Visualisierung der Sprache und gleichbleibende Positionen auf den Materialien können schnelle Kommunikationserfolge verzeichnet werden. Durch den Einsatz des Materials findet eine Sensibilisierung für Mehrwortäußerungen statt, womit das Material eine Unterstützung in der Satzbildung bietet. Es besteht außerdem die Chance einer spielerischen Auseinandersetzung mit der deutschen Grammatik. Die Kinder lernen zudem die Leserichtung von links nach rechts kennen. Ein schnelles Erfassen der häufigen Wörter erhöht die Lesegeschwindigkeit (Blitzwortlesen). 
 

Unabhängig von der Lerngeschwindigkeit und den Schriftsprachkenntnissen wird den Kindern ein Material angeboten, das ihnen einen schnellen Zugang zur deutschen Sprache auf allen sprachlichen Ebenen verschafft:

  • Schnelle Kommunikationserfolge: Die deutsche Sprache wird auf den Materialien über Symbole visualisiert. Die Positionen der Symbole bleiben auf den unterschiedlichen Materialien gleich. Dadurch können sich die Kinder — auch ohne Schriftsprachkenntnisse — schnell orientieren und kommunikativ partizipieren.
  • Sensibilisierung für Mehrwortäußerungen: Die Wortarten des Kernvokabulars werden über unterschiedliche Rahmenfarben abgebildet. Die Kinder können wahrnehmen, dass eine Mehrwortäußerung aus verschiedenen Farben besteht (z.B. Jetzt will ich mehr wissen).
  • Unterstützung der Satzbildung: Die Wortarten auf den Kommunikationsmaterialien sind in Leserichtung von links nach rechts angeordnet. Dadurch können z.B. Kinder arabischer Herkunft die Leserichtung im Deutschen schnell lernen.
  • Auseinandersetzung mit der deutschen Grammatik: Durch das Zeigen und Kletten der Wörter erfahren die Kinder nicht nur über den auditiven, sondern auch über den haptischen und visuellen Sinn, wie sich Satzstrukturen verändern können.
  • Erhöhung der Lesegeschwindigkeit: Das Kernvokabular wird als Symbol und als Schriftbild abgebildet. Damit werden die Kinder in ihren schriftsprachlichen Fähigkeiten unterstützt, da sie das Kernvokabular in Texten schnell erfassen können (Blitzwortlesen).

Forschungsprojekt

Abbildung: Projektverlauf

In der aktuellen Phase (Multiplikatorenphase im Schuljahr 2018/2019) des Projekts wird die Erprobung des kernvokabularbasierten Sprachförderkonzepts auf 65 Einrichtungen des Landes NRW ausgeweitet. In dieser Phase werden sowohl die Einrichtungen der Kontrollgruppe als auch weitere interessierte Schulen und Kindergärten fortgebildet und mit dem Starterpaket ausgestattet.

Studiendesign

Die Effektivität wird durch ein quasi-experimentelles Kontrollgruppendesign nachgewiesen. Zur Kontrollgruppe gehören Schulen und Kindertageseinrichtungen, die nach tradierten Methoden arbeiten, also keine DaZ-Förderung nach dem hier vorgestellten Ansatz durchführen.
Der Sprachstand der Kinder aus den Projekteinrichtungen und der Kontrollgruppe wird durch zwei Audioaufnahmen (T1 und T2) erhoben. Durch die Analyse und den Vergleich der Daten werden Rückschlüsse auf die Effektivität des neuen Sprachförderansatzes gezogen.

Erste Ergebnisse

Erste Zwischenergebnisse zeigen, dass die nach dem Konzept geförderten DaZ-Kinder einen mit gut 18% deutlich schnelleren Wortschatzzuwachs im Bereich Kernvokabular erreichen, als nach bisherigen DaZ-Konzepten. Die Kinder können also bereits nach vier Monaten ihre Sprache deutlich flexibler im Alltag gebrauchen und haben somit eine breitere Basis für die Entwicklung einer Bildungssprache. Dies bedingt verbesserte Bildungschancen im Gesamtverlauf der schulischen Bildung und eine schnellere soziale Integration in die deutsche Gesellschaft.

Projektteam

v. l. n. r. hinten: Dr. Larissa Heitmann, Monika Riemann, Prof. Dr. Jens Boenisch

v. l. n. r. vorne: Dagmar Fretter, Lena Lingk

Studentische Hilfskräfte im KvDaZ-Team:

Nico Janßen, Katrin Bemmelen, Aaron Riederer, Christine Goebbels

Kontakt

Stellvertretende Projektleitung:

Lena Lingk
lena.lingk@uni-koeln.de
Tel.: 0221 470-5502

Wissenschaftliche Mitarbeiterin:

Dagmar Fretter
dagmar.fretter@uni-koeln.de
Tel.: 0221 470-5502

Wissenschaftliche Mitarbeiterin:

Dr. Larissa Heitmann
larissa.heitmann@uni-koeln.de
Tel.: 0221 470-89944

Hilfskräfte (stellvertretend):

Nico Janßen
njansse1@smail.uni-koeln.de
Tel.: 0221 470-89941